Wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist, beginnt in der Großstadt erst das richtige Leben: Dann verwandeln sich die grauen Straßen in ein buntes Lichtermeer. Jetzt ein Foto machen – aber die Kamera fängt nur verwackelte oder gar schwarze Bilder ein? Dieser UPDATED-Ratgeber zeigt Ihnen, wie Sie trotz Dämmerung oder Dunkelheit gestochen scharfe Fotos mit faszinierenden Lichteffekten aufnehmen können. Egal, ob Sie dafür eine Spiegelreflexkamera oder nur Ihr Smartphone zur Hand haben.

Langzeitbelichtung Tipps Karussell
Besonders eindrucksvoll ist es, sich bewegende Lichtquellen mit dieser Technik zu fotografieren. Auf dem Foto zeichnen sich durch die Langzeitbelichtung dann die charakteristischen Lichtstreifen ab. (© 2016 Jason Chen/Pexels)

Was ist Langzeitbelichtung?

Ein Fotograf würde die Frage vermutlich sehr poetisch beantworten: Langzeitbelichtung ist das Spiel mit dem Licht. Die technische Antwort ist hingegen ganz schlicht: Für die Langzeitbelichtung setzt der Fotograf die Verschlusszeit der Kamera auf einen langen Wert. Statt eines kurzen Klicks hat die Kamera so mehr Zeit für die Aufnahme. Das können mehrere Sekunden, Minuten oder sogar Stunden und in Einzelfällen auch Tage sein. Das Ergebnis: Alle Bewegungen, die in dieser Zeit vor der Kamera passieren, gelangen auf das Foto.

Langzeitbelichtung Tipps Dämmerung Meer
Auch tagsüber oder in der Dämmerung lassen sich Bewegungen einfangen. Die Langzeitbelichtung erschafft fast unwirkliche Effekte. Zukiman Mohamad/Pexels)

Empfindliche Technik – So wird das Bild auch scharf

Diese spezielle Fotografier-Technik ist recht empfindlich. Wird die Kamera während der langen Aufnahme etwa bewegt, verwackelt das Bild. Stellen Sie die Kamera daher stets auf ein Stativ oder eine feste Unterlage. Wichtig ist auch, die verschiedenen Einstellungen der Kamera ganz genau an die jeweils herrschenden Lichtverhältnisse anzupassen. Denn: Gelangt zu viel Licht durch die Linse, sind die Bilder zu hell, also überbelichtet. Zu wenig Licht bringt hingegen die gewünschten Effekte nicht richtig zum Vorschein.

Welche Kameras eignen sich?

  1. Ganz klassisch bietet eine Spiegelreflexkamera die besten Voraussetzungen: Dank der verschiedenen Einstellungen kann der Nutzer die Belichtungszeit optimal anpassen. Außerdem kann er daran einen Fernauslöser anschließen oder den Selbstauslöser einstellen. An das Objektiv lässt sich zusätzlich ein Filter anschrauben. Dieser ist bei Langzeitbelichtungen am Tag notwendig, um eine Überbelichtung der Bilder zu vermeiden. Tipp: Nehmen Sie die Fotos im sogenannten RAW-Format auf. So haben Sie später mehr Möglichkeiten zur Bearbeitung.
  2. Auch mit einem Smartphone lassen sich beeindruckende Effekte erzielen. Apps wie Slow Shutter Cam oder Average Camera Pro (beide für das iPhone) simulieren die Langzeitbelichtung. Für Android bietet sich Camera FV-5 an. In der Regel benötigen Sie für die Aufnahmen lediglich Ihr Smartphone und ein spezielles Stativ für Handys oder eine stabile Ablage. Weitere Filter oder spezielle Einstellungen wählen Sie bequem in der App aus.
  3. Spiegellose Kameras können Sie immer dann für die Aufnahmen verwenden, wenn sich die Belichtungszeit manuell festlegen lässt. Bei den hochwertigeren, sogenannten System- oder Bridgekameras, ist das meist der Fall. Speichern Sie auch hier die Bilder, sofern möglich, im RAW-Format.

Stativ – für scharfe Langzeitaufnahmen bei Tag und Nacht

Halten Sie die Kamera in der Hand, ist es bereits ab einer kurzen Belichtungszeit von 1/30 Sekunde schwierig, dass das Foto nicht verwackelt. Abhilfe schafft ein Stativ. Grundsätzlich können Sie die Kamera natürlich auch auf einem festen Untergrund ablegen, etwa auf einer Mauer oder dem Boden. Ein Stativ ist aber vielseitig einsetzbar und sorgt für eine feste Kameraposition, sodass die Bilder nicht verwackeln können. Außerdem lässt es sich überall schnell aufbauen, und die Position der Kamera und damit der Aufnahmewinkel sind einfacher zu verschieben.

Die Kamera wird an das Stativ geschraubt. Alle Spiegelreflexkameras haben dazu an der Unterseite ein rundes Gewinde. Auch die meisten spiegellosen Digitalkameras sind damit ausgestattet. In der Regel handelt es sich dabei um ein ¼-Zoll-Gewinde. Die Auswahl des Stativs sollte sich nach der Größe der Kamera richten. Dabei gilt der Grundsatz: Je größer das Objektiv der Kamera, desto stabiler sollte das Stativ sein, da die Kamera sonst nach vorne kippt.

Filter – für Langzeitbelichtung am Tag

Möchten Sie ausschließlich nachts Fotos mit einer Langzeitbelichtung machen, benötigen Sie keinen Filter. Tagsüber sieht das schon ganz anders aus: Hier hilft ein Graufilter (auch “ND” oder “Neutraldichtefilter” genannt) vor Überbelichtung. Er fungiert wie eine Sonnenbrille für die Kamera und ermöglicht in den meisten Fällen überhaupt erst die Langzeitbelichtung am Tag. Meist gelangt bei Sonnenschein bereits nach kürzester Zeit so viel Licht in die Kamera, dass die Bilder bei längerer Belichtung komplett weiß, also überbelichtet werden.

Filter für Langzeitbelichtung am Tag
Filter gibt es in den verschiedensten Farben und Stärken – sie werden wie eine Sonnenbrille auf das Objektiv der Kamera gesetzt. (© 2016 Yashica Minister/Pexels)

Fern- und Selbstauslöser – Schützt vor Verwacklern

Ihre Kamera steht sicher und stabil auf einem Stativ und trotzdem verwackeln die Bilder? Das könnte an dem kurzen Moment liegen, in dem Sie den Auslöser drücken. Durch diese winzige Erschütterung verwackelt das Bild bereits. Abhilfe schafft ein Auslöser per Fernsteuerung. Damit können Sie das Bild aufnehmen, ohne die Kamera zu berühren. Dabei haben Sie die Wahl zwischen der Steuerung per Funk, Infrarot oder Kabel. Alternativ können Sie auch den eingebauten Selbstauslöser Ihrer Kamera nutzen und diesen dann ungestört das Foto machen lassen.

Okularabdeckung – gegen Streulicht & helle Streifen im Bild

Dieses kleine Plastikteil stecken Sie hinter den Sucher. Also dort, wo Sie normalerweise beim Fotografieren durchschauen. Die Okularabdeckung verhindert, dass sogenanntes Streulicht durch den Sucher eintritt. Setzen Sie gerade tagsüber die Okularabdeckung ein, damit es nicht zu einer Fehlbelichtung in Form von hellen Streifen oder Schlieren auf dem Bild kommt.

Die richtige Belichtungszeit wählen

Die richtige Belichtungszeit hängt von zwei Faktoren ab: von der Helligkeit und gegebenenfalls der Stärke des verwendeten Filters. Grundsätzlich gilt: Je dunkler die Umgebung, desto länger können Sie das Bild belichten. Tagsüber stehen somit nur wenige Sekunden zur Verfügung, nachts können die Aufnahmen der Bilder Minuten oder Stunden dauern. Wenn Sie beispielsweise nachts ein Feuerwerk aufnehmen möchten, können Sie die Belichtungszeit auf mehrere Minuten stellen.

Tipp: Die App “NDCalc” (Android und iOS) hilft bei der Berechnung der optimalen Belichtungszeit für Ihre Bilder.

Probieren Sie einfach verschiedene Einstellungen aus. Gerade im Dämmerlicht kann der Bruchteil einer Sekunde bei der Belichtung bereits einen gewaltigen Unterschied auf das fertige Bild haben.

Die richtige Einstellung der Blende wählen

Die Einstellung der Blende bestimmt, wie viel Licht in die Kamera gelangt. Das beeinflusst die Schärfe und die Helligkeit des Bildes. Je nach Lichtverhältnissen sollten Sie die Blende auf einen Wert zwischen f/8 und f/12 einstellen. Bei kleineren Werten wäre die Blende zu sehr geöffnet, was zu viel Schärfentiefe im Vordergrund und einem unscharfen Hintergrund führen würde. Das Bild würde dann einen kleinen Bereich deutlich abbilden, den Rest aber unscharf lassen. Bei der Langzeitbelichtung ist aber in der Regel eine gleichmäßige Schärfe erwünscht.

Der richtige ISO-Wert für die Langzeitbelichtung

Der ISO-Wert sollte möglichst tief stehen, etwa auf 100. Diesen niedrigen Wert gleicht die lange Belichtungszeit aus, da dann im Ergebnis wieder ausreichend Licht durch den Sensor kommt und das Bild schön ausgeleuchtet wird. Deutlich höhere ISO-Werte als etwa 800 führen zu einem sogenannten Bildrauschen, also einem sehr grobkörnigen Bild.

Ablaufplan für eine Langzeitbelichtung

  1. Motiv und geeigneten Standort wählen.
  2. Stativ an die Kamera schrauben und beides aufstellen. Wenn vorhanden: Kabelauslöser anschließen und Filter aufschrauben.
  3. Kamera ausrichten und fokussieren, dafür auf “manuellen Fokus” stellen, am Objektiv kann dafür ein Regler von AF auf MF geschoben werden.
  4. Blende und Belichtungszeit einstellen.
  5. Auslösen.
  6. Abwarten, bis das Bild fertig belichtet wurde, dann erst wieder die Kamera berühren.

Feuerwerk & Lichtstreifen in der Nacht fotografieren – so geht’s

In der Dunkelheit der Nacht gibt es zwei Möglichkeiten, ein Foto zu machen, das nicht komplett schwarz ist: mit einem Blitzgerät oder mit der Langzeitbelichtung. Der Blitz verändert die Farben und zeigt nur einen Teil der Wirklichkeit. Für weit entfernte Motive eignet er sich nicht. Die Langzeitbelichtung hingegen nutzt und verstärkt alle vorhandenen Lichtquellen.

Die Klassiker: Lichtstreifen von vorbeifahrenden Autos. Stellen Sie sich dazu mit einem Stativ an eine Straße oder auf eine Brücke. Bei letzterer achten Sie darauf, dass diese nicht zu sehr durch die darunter fahrenden Autos erschüttert wird. Wenn Sie ein leichtes Beben spüren, wird die Kamera bei den Aufnahmen ebenfalls bewegt und das Foto verwackelt. Bei kompletter Dunkelheit stellen Sie die Blende auf einen Wert zwischen f/8 und f/12 und den ISO Wert auf 100 ein. Starten Sie mit einer Belichtungszeit von einer Minute und erhöhen Sie diese langsam, um den Effekt zu verstärken. Hier gilt es, etwas auszuprobieren. Mit den gleichen Einstellungen können Sie auch ein Feuerwerk ablichten. Auch dieses Motiv spielt wunderbar mit der Bewegung von Licht. Ebenfalls eindrucksvoll, wenn auch nicht ganz ungefährlich: Aufnahmen eines Gewitters.

Feuerwerk fotografieren Langzeitbelichtung
Ein Feuerwerk lässt sich nur mit einer Langzeitbelichtung in seiner ganzen Schönheit einfangen. (© 2016 skeeze/Pexels)

Wolkenmeere & nebelartiges Wasser am Tag fotografieren – so geht’s

Auch am Tag geht es bei der Langzeitbelichtung um das Spiel mit dem Licht. Die längere Belichtungszeit am Tag führt dabei zu interessanten und fast unwirklichen Effekten: Wolken verschwimmen zum Beispiel zu einem grauen Strom, Wasser wird scheinbar zu Nebel. Wählen Sie für Ihre Bilder Motive aus, die sich gleichmäßig bewegen, etwa Wellen an der Küste, ein Getreidefeld im Wind, einen Bach, Wasserfälle oder einen leicht bewölkten Himmel.

Langzeitbelichtung Fotografie Wasser
Fließendes Wasser wird durch die Langzeitbelichtung in ein nebelartiges Gebilde verwandelt. (© 2016 Peter Rupp/Pexels)

Nutzen Sie für Ihre Aufnahmen einen Graufilter. Die Blende sollten Sie abhängig von der Stärke des Filters einstellen. Ist der Filter eher schwach, müssen Sie stärker abblenden. Stellen Sie die Blende zwischen f/8 und f/12 ein und wählen Sie einen ISO-Wert von 100. Die Belichtungszeit hängt von den herrschenden Lichtverhältnissen ab. An einem wolkigen Tag kann länger belichtet werden, als an einem sehr sonnigen Tag. Starten Sie mit einer kürzeren Belichtungszeit von 10 Sekunden und arbeiten Sie sich langsam hoch. Vergessen Sie auch das Stativ nicht, um ein Verwackeln der Bilder zu verhindern.

Mit Licht malen – so geht’s

Wenn Sie in der Dunkelheit Aufnahmen machen, können Sie zusätzliche Lichtquellen, wie eine Wunderkerze oder eine Taschenlampe, als Zeichenstift benutzen und im wahrsten Sinne des Wortes mit Licht malen: Befestigen Sie dazu die Kamera auf einem Stativ und stellen Sie die Blende zwischen f/8 und f/12 ein. Die Belichtungszeit sollten Sie je nach Motivaufwand wählen. Wenn Sie zum Beispiel mit einer Wunderkerze ein Herz “malen” möchten brauchen Sie dazu etwa 5 Sekunden. Nutzen Sie dabei auch die verschiedensten Hilfsmittel. Schrauben Sie etwa einen Graufilter vor die Linse oder decken den Sucher mit einer Okularabdeckung ab.

Fotos die “lange” im Gedächtnis bleiben

Egal, für welche Tages- oder Nachtzeit Sie sich entscheiden, probieren Sie einfach verschiedene Einstellungen Ihrer Kamera aus. Beginnen Sie mit einer kurzen Belichtungszeit, und tasten Sie sich langsam an längere Zeiten heran, um zu sehen, welche Effekte Sie mit Licht erreichen können.

 

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